11 Februar 2006

Unerwartet

Ein Freitagabend im Krankenhaus. Reichlich Arbeit. Ambulanz, Intensivstation, periphere Stationen, alle Probleme nur für den Diensthabenden.

Sie kam mit Rückenschmerzen. Kolikartig, ins Becken ziehend. Mollig, Ende Dreissig. Eine vernünftige Frau, gebürtig hier, beunruhigt durch diese unerklärlichen, zunehmenden Krämpfe.
Zugang, Blutentnahme, Infusion, Ausruhen auf der Untersuchungsliege in der Ambulanz, Fiebermessen. Wahrscheinlich Nierensteine oder Nierenbeckenentzündung, oder? Schaut sich der Arzt später an; erstmal den Gomer untersuchen, der gerade nebenan mit Fieber aus dem Heim eingeliefert wurde.

Wenig später: "Doktor, schaust Du nochmal nach der Dame mit den Koliken, es wird nicht besser."

Also, was ist mit diesem Rücken? Nierenlager klopfschmerzhaft? Der Bauch ist ziemlich dick. Sehr dick und rund. Was ist das? Keine Luft, kein Aszites, keine Adipositas. Ein Baby! Na klar, ein schwangerer Bauch. Der Arzt, Vater vieler Kinder, hat die Handgriffe gelernt: Hier der Rücken, da der Kopf, im Becken.
Die Frau ist offensichtlich hochschwanger. "Sie sind schwanger und zwar sehr." "Ich, schwanger? Nein, sicher nicht." Aha.

Diese Dame ist schwanger und weiß nichts davon. Gibt es das? Der Arzt denkt an seine Lehrbücher und an die Geschichten aus der Boulevard-Presse: hysterische Scheinschwangerschaften, überraschende Sturzgeburten, zurückgelassene Neugeborene. Niemand hat etwas gemerkt. "Frauen sind potentiell immer schwanger, ob sie es wissen oder nicht. Vor dem Röntgen: Schwangerschaftstest. Dann kannst Du sicher sein."

Während die Patientin dem Arzt erklärt, warum eine Schwangerschaft nicht möglich ist - Lebenspartner verlassen und so weiter - sucht der nach der versteckten Kamera. Das ist doch nicht wahr, oder? Wie kann jemand neun Monate Schwangerschaft ignorieren? Oder verdrängen? Frauen sind sonderbare Wesen. Immer muss man mit allem rechnen. Oder liegt der Arzt daneben? Gibt es Bauchtumoren, die sich anfühlen wie Babies? Ein Ultraschall wird Klarheit bringen.

Sonographie: Ja, schauen Sie: Hier ist der Rücken, da der Kopf, das Herzchen schlägt kräftig. Ein großes Kind in ihrem Bauch. Nein, Doktor, ich kann nicht schwanger sein. Da kommen die Krämpfe wieder. Wehen! Na klar. Die Entbindung steht an.

Draussen, auf dem Flur, sitzt der Partner. Versöhnung vor ein paar Wochen. Schwangerschaft? Ein Baby? Nein, ganz bestimmt nicht. Na, dann kommen Sie mal mit. Rauf in der Kreissaal.

Eine knappe Stunde nach ihrer Vorstellung in der Ambulanz entband die Dame ein gesundes Mädchen.
Völlig unvorbereitet. Unerwartet. Ohne Mutterpass und Laborkontrollen. Gegen ärztlichen Rat, sozusagen.

Zuhause gab es kein Kinderzimmer. Keinen Kinderwagen. Keine rosaroten Strampler. Sie haben sich trotzdem gefreut.

Beide. Sehr sogar.

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05 November 2005

Kurz

Er kam aus einer anderen Stadt. War an der Endhaltestelle aus der S-Bahn aufgelesen worden. Kam mit dem RTW in die Ambulanz. Kein Name, keine Papiere, nicht fähig Auskunft zu geben. Ende zwanzig vielleicht, aber greisenhaft ausgemergelt, abgemagert, schwach und stinkend dreckig. Im Geldbeutel ein Terminzettel einer Arztpraxis, Methadonprogramm. Ein Drogensüchtiger.

Drogies will niemand im Krankenhaus. Sie fordern von Ärzten und Schwestern Beruhigungsmittel von der starken Sorte. Klauen sie dann aus dem Medikamentenschrank. Machen sich dann aus dem Staub, wenn sie die Handtaschen der Omis durchwühlt und die ganze Station in Aufruhr versetzt haben. Doch diesen kann der Arzt nicht wegschicken.

Verlaust, verdreckt, vielleicht HIV-positiv? Nicht mal stehfähig, kurzatmig. Beim Husten schwallartig Eiteriges. Aber kein Fieber.

Zum Glück gibt es auch in diesem Krankenhaus beherzte Schwestern, die sich nicht zu schade sind, so jemanden erstmal zu baden, zu waschen, zu entlausen.

Danach die Aufnahme-Untersuchung am sauberen Bett, sauberer, rasierter Patient in weißen Laken: Als er sich aufsetzen soll setzt die Atmung aus, der Puls auch. Neurologische Reaktionen komplett weg. Ganz plötzlich alles auf Null. Vollständig. Und unumkehrbar: Alle Reanimationsbemühungen, mit Anästhesisten, auf Intensivstation, eine Stunde lang, alles umsonst. Keine QRS-Zacke, kein eigener Atemzug, keinerlei Pupillenreaktion. Ungewöhnlich, daß jemand so schnell so tot sein kann. Selbst alte, herzschwache Patienten zeigen doch hin und wieder kleine Herzaktionen oder Bewegungen während einer Reanimation. Hier: Nichts.

Das schnelle Ende eines kurzen Lebens.

Die Obduktion ergab nichts ausser einer Lungenentzündung bei einem stark reduzierten Allgemeinzustand.

Die Angehörigen wurden erst Tage später von der Polizei aufgetan. Sie hatten keine Fragen.


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